03.06.2026
Heitere Leichtigkeit mit Hintersinn
«Soft Ice»-Kabarett von Dominik Muheim in der Kunsthalle Appenzell: Lecker, aber mit mehr drin als Zucker und Rahm
Ein Kabarettabend könnte Ihr Leben verändern, ist Dominik Muheim überzeugt. Sicher ist, dass ihm zuzuhören guttut und heiter stimmt. Dafür haben der Basler Bühnenkünstler Dominik Muheim und die Kulturgruppe, die ihn nach Appenzell eingeladen hatte, zu seiner und zur Freude des Publikums gesorgt.
An einem sommerlauschigen Samstagabend wie letzten Samstag gäbe es viele Möglichkeiten: Man könnte grillieren, oder Soft Ice schlecken oder angesichts des möglicherweise nahen Weltuntergangs «Fleischkäsekonserven im Luftschutzkeller einsortieren oder bei der Migros Klubschule einen Schiesskurs besuchen». «Man weiss ja nicht, was kommt», weiss Dominik Muheim.
Er war auf jeden Fall glücklich, auf der Bühne an diesem tollen Ort zu stehen und ein aufmerksames, offenes und dankbares Publikum zu unterhalten. Immer wieder unterbrach er sich in seinem Programm
«Soft Ice», um seiner Freude Ausdruck zu geben, um das Publikum in der Kunsthalle Appenzell zu loben, das auch auf feine Pointen reagierte und an Stellen lachte, die in der Grossstadt nicht immer funktionieren. Kürzlich ist er in seiner Heimatregion aufgetreten und hat die inflationär angewendeten (Anm. d. Red,) Standing Ovations geerntet. Das Publikum in der Kunsthalle liess sich nicht unter Druck setzen. Es zeigt dem Vertreter der «Thirtysomething»-Generation mit seinem Mitgehen, mit herzlichen Lachern und verschmitztem Kichern, Szenenapplaus und heftigem Beifall, dass ihm gefällt, was Dominik Muheim macht.
Behütet aufgewachsen
Er praktiziert Kabarett der unaufgeregten Art, ohne Maske und Chichi. Er pflückt aus dem Alltäglichen skurrile Momente, kleine Wunder und Schönheiten und unfreiwillige Komik. Er verpackt alles in Geschichten, die nah an seinem eigenen Leben sind – und darum so authentisch rüberkommen. Man muss ihn einfach gern haben, diesen Primarschüler Dominik, diesen jungen Mann Dominik auf der Bühne, der neben der Bühne gar nicht viel anders ist.
Er ist behütet in einem Basler Dorf aufgewachsen, mit allen Dörfern der Schweiz irgendwie verwandt, mit einem Vater, der auswärts arbeitete und samstags mit bluttem Oberkörper den Rasen hinter dem Einfamilienhüsli mähte, und einer Mutter, die Buchstabensuppe nach Betty Bossi kochte und abends zur Tupperparty einlud. Mit einem Fernsehprogramm, das zu 90 Prozent von Beni Thurnheer bestritten wurde. Köstlich, wie er die Schulkinder- Dramen zur Jahrtausendwende erzählte, von emotionalen Erschütterungen, Abenteuern mit der wilden Lina und Enttäuschungen durch Erwachsene. Erste Gefühlsturbulenzen bescherte den Primarschulfreuden eine Feuerwanze.
Gespaltene Gesellschaft
Dominik Muheim pflegt die feine Ironie, guten Humor und Wortwitz. Tiefgang lässt sich in Metaphern zum Weltgeschehen orten. Er plädiert für unverbrüchlichen Optimismus. Denn «Optimismus ist wie ein Arschgeweih, das man heute verschämt bedeckt». Und: «Optimismus muss man sich leisten können – so wie die Schweiz: Nett gucken und nix machen.» Oder vielleicht ist Optimismus einfach ein flauschiges Tierli, das mit Seidenpfötchen über ein Sonnenblumenfeld tänzelt, wie im Social-Kanal? Was immer hilft: «Chunnt scho guet!»
Dominik Muheim erzählt mit der Färbung und dem Rhythmus der Spoken-Wordund Poetry-Szene – oder «Pötri», wie der Schwiegervater von Lina sagt. Oft schimmert eine zweite Ebene durch, zum Beispiel bei den Erlebnissen als Peacemaker auf dem Schulhausplatz. In der kleinen Geschichte steckt das grosse Desaster, das sich gerade in der Welt abspielt.
Seine Heldin entzaubert sich
Dominik Muheim ist gross geworden, als die Leistungsgesellschaft-Maschine stotterte und Deutschland AKW abschaltete. Und jetzt will ausgerechnet Lina, die aus Prinzip immer gegen alles war, heiraten. Seine beste Freundin und krawallige Heldin, die Ehe für eine Schutzeinrichtung für hilflose Männer hielt. Die Attraktion auf dem Hochzeitsschiff ist eine Soft-Ice- Maschine und Dominik der Festredner. Die Hochzeitsgesellschaft ist gespalten. Absurditäten sind vorprogrammiert. «Die Gesellschaft wird gespalten von jenen, die ständig von der gespaltenen Gesellschaft reden.»
Mit wenigen Gesten, beredter Körpersprache und Dialektvarianten lässt Dominik Muheim Onkel, Schwiegervater, Cousin und die Tante mit den kernigen Sprüchen aufmarschieren. Der Onkel aus Züri, eloquenter Schreiberling, palavert – eins zu eins, wie der Kabarettist später bestätigte – wie der bekannte Redaktor einer bekannten Wochenzeitschrift.
Gute Mischung
Dominik Muheim gehört zur jüngeren Garde der Schweizer Kleinkunstszene. Die meisten Frauen und Männer im Publikum in der Kunsthalle Appenzell könnten seine Eltern und Grosseltern sein. Sie amüsierten sich köstlich über seine Kindheitserinnerungen. Auch wenn sie diese nicht teilen, der erfrischende Blick darauf war beste Unterhaltung. Dominik Muheim, wie viele seiner Zunft ursprünglich Primarlehrer, könnte auch gut Gitarre spielen und singen. Diese Talent setzte er nur sparsam ein. Aber die Zugabe nach dem begeisterten Applaus war ein Song wie ein Fotoalbum vom herrlichen Abend mit Dominik Muheim und «Soft Ice»: lecker, süss, eine gute Mischung, mit Gehalt und dem gewissen Twist.
Text und Bilder: Monica Dörig