ZweifamoseMusikkabarettistensagen«Tschou»
«Schnurregiige»-Blues, «gliireti» Lyrik, Leichtmatrosenromantik, Volkspoesie, lakonisches Geplänkel, etwas Dada, ein wenig Chanson: Kabarett, Musik und Gesang in diversen Genres, Dichtkunst und eine Handvoll Instrumente beherrschen Schertenlaib & Jegerlehner formidabel. Die zwei nonchalanten Berner ohne Vornamen gaben am Samstag in der Kunsthalle Appenzell noch einmal ihr Bestes.
Es gab und gibt einige dieser besonderen Troubadoure aus Bern, Thun und dem Emmental: Der eine schrieb fein und tiefsinnig unsterbliche Chansons, der andere setzte die Unwägbarkeiten des Lebens in Melancholie und donnernde Performances um. Und es gibt seit über zwanzig Jahren dieses famose Duo, das dichtet und musiziert wie keine anderen, das sich - in edlem Zwirn - in sinnentleerten Dialogen verlieren kann, mit Worten spielt, bis sie «uusgliiret» sind, und naive Poesie deklamiert, immer mit diesem kleinen Stich ins Ironische. Zwei Herren im besten Alter sind sie, «gut abgehangen, am Knochen gereift», wie sie sticheln. Sie singen viele schöne und wortwitzige Lieder, immer mit dieser leisen Ahnung von Wehmut – Blues, Balladen, Seemannslieder in Mundart. Sie spielen dazu Schlagzeug und Ukulele (Schertenlaib), Trompete, Handorgel, Löffel und Mundharmonika (Jegerlehner) und tanzen und schauspielern wunderbar komisch. Michel Gsell (Schertenlaib) und Gerhard Tschan (Jegerlehner) haben zu Gast bei der Kulturgruppe Appenzell und vor vollem Haus noch einmal alles ausgepackt, was sie an Talent, Ideen und Poesie zu bieten haben, darunter gefühlt ein halbes Dutzend Coverversionen ihres Lieblingsherzschmerzsongs – den man immer wieder hören mag.
Leichtmatrosen und Könige der Nacht
Bald muss man vom Präsens ins Präteritum wechseln, wenn man von herrlichen Stunden mit ihnen berichtet. Die beiden sind bis im Sommer 2025 auf Abschiedstour. Das Publikum in der Kunsthalle war glücklich, ihre Hits - poliert und gewendet - noch einmal zu erleben. Es hatte seine helle Freude an ihrer fünften Show, die wie immer wirkte, als komme alles spontan und mit links zustande. Das ist grosse Kleinkunst, wenn nichts von den Anstrengungen spürbar ist, von der Präzision und dem Austüfteln von Übergängen zwischen den skurrilen Geschichten aus einem wuchernden Themenfeld, die die beiden wie Scheherazade aneinanderreihen. Man spürt nichts vom stundenlangen Erarbeiten und Austarieren, damit die existenziellen Lebensfragen destilliert und in schräg-melancholische Szenen abgefüllt ihre Wirkung tun. Als flögen ihnen die Ideen gerade zu, verlieren sich die beiden flamboyant in haarigen Geschichten und einem abstrusen Fersen-Epos, stechen als Lichtmatrosen mit schweren Herzen in See und schwadronieren singend als Könige der Nacht. Sie zwitschern ein Vogelkonzert, predigen lautmalerisch, spielen und tanzen finnischen Tango und Jegerlehner jodelt auch mongolisch. Den furiosen Applaus verdankten die beiden kongenialen Liedermacher und Komödianten mit einer Zugabe – nochmals und mit hoher Tourenzahl das Lied vom verlorenen Herz.
Vorfreude auf Neues
Die beiden mit dem «Salzburger Stier» und dem Schweizer Kabarett-Preis «Cornichon» ausgezeichneten Musikkabarettisten werden fehlen in der Schweizer Kleinkunstszene. Sie schreiben auf ihrer Homepage, sie seien nach tausend Auftritten etwas müde und möchten sich anderen schönen Dingen zuwenden. Sie seien «zu alt zum Blühen, zu jung zum Mähen». Gerhard Tschan wird als Solist durchs Heimat- und Bauernland tingeln. Michel Gsell wird mit dem Projekt 2Ster durch die Popmusikgeschichte grooven. Wer das charmante Duo noch einmal erleben will, hat in der Ostschweiz noch einige Male Gelegenheit, zum Beispiel am 7. Dezember im Diogenes Theater in Altstätten.
Mit Schertenlaib & Jegerlehner endete das Kleinkunstjahr der Kulturgruppe Appenzell. Die Vorstellungen in der Kunsthalle besuchten geschätzt jeweils über hundert Gäste, die Hälfte davon sind Stammgäste und Kultur-Abo-Besitzer. Leiter Silvio Signer präsentierte am Samstag voller Vorfreude das druckfrische Programm 2025. Man darf sich auf grosse Namen der Kleinkunstszene freuen wie Frölein Da Capo, Lapsus und Patrick Frey und auf einige Überraschungen
Text: Monica Dörig, Bilder: Monica Dörig, Silvio Signer